Sauberes Trinkwasser
In Aarberg kann Quellwasser aus dem Frienisberg nicht mehr als Trinkwasser genutzt werden. Grund dafür ist eine zu hohe Konzentration von Chlorothalonil. Was sich dahinter verbirgt, erfahrt ihr auf unserer Seite.
Chlorothalonil und andere Substanzen im Trinkwasser
Aus EWA Hello! 01/2025, dem Kundenmagazin des EW Aarberg.
Was ist Chlorothalonil? Es ist ein Fungizid, also ein Mittel gegen Pilze, welches vor allem im Getreideanbau verwendet wurde. Die Schweiz (und die EU) haben den Einsatz von Chlorothalonil Anfang 2020 wegen Gesundheitsbedenken verboten. Der Wirkstoff und seine Abbauprodukte gelangen wie andere Herbizide auch ins Grundwasser. Chlorothalonil und seine Metaboliten werden verdächtigt, krebserregend zu sein. Die Löslichkeit in Wasser ist sehr schlecht, was bedeutet, dass diese Stoffe umso besser im Fettgewebe eingelagert werden.
Eigentlich eine klare Sache, oder? Der Schweizer Bauernverband (SBV) sieht es gut 9 Monate nach dem Verbot (22. Oktober 2020) jedoch so:

Aus: Chlorothalonil: Einstufung Kanzerogenität und Metaboliten 201023_Chlorothalonil_Einstufung_Kanzerogenitaet_und_Metaboliten.pdf
Und zu Beginn dieses Jahres dann folgende Schlagzeilen:

Also, beginnen wir bei Pflanzenschutzmittel
Ein Pflanzenschutzmittel ist ein Herbizid, ein Fungizid oder ein Insektizid. Schützen tut es viel weniger als abtöten. Chlorothalonil ist nicht das einzige sogenannte Pflanzenschutzmittel. In der konventionellen Landwirtschaft gibt es wohl kaum eine Kultur, welche ohne Pflanzenschutzmittel auskommt. Siehe dazu den Agrarbericht 2024.
Im pfluglosen Ackerbau, der die Bodenstruktur schont, wird Glyphosat gespritzt. Dies ist im Frühling auch in Aarberg und Umgebung gut sichtbar: Felder werden plötzlich braun-gelb.
Das Umweltbundesamt in Deutschland schreibt unter anderem: «Als hochwirksame Chemikalien bergen Pflanzenschutzmittel Risiken für Gesundheit und Umwelt. Pflanzenschutzmittel haben negative Effekte auf die Biodiversität, schaden Bodenlebewesen und bilden Rückstände im Grundwasser sowie in Oberflächengewässern. Pflanzenschutzmittel verteilen sich in der Luft und einige werden so über weite Strecken transportiert. «
Viele Biozide sind sehr langlebig, das heisst, sie werden schlecht abgebaut, ins Grundwasser ausgewaschen und in der Nahrungskette angereichert. Fettlösliche Stoffe werden im Fettgewebe eingelagert und können bei starker Gewichtsabnahme zu höheren Blutkonzentrationen führen und bei Stillenden in die Muttermilch übergehen.
Bemerkenswert ist, dass ‘Parkinson durch Pestizide’ in Deutschland, Frankreich und Italien als Berufskrankheit von Bauern anerkannt ist. Lipophile Stoffe, also fettlösliche Stoffe, können die Blut-Hirn-Schranke besser überwinden und gelangen so ins Gehirn.
Ein weiteres Thema: Trinkwasserbelastung durch Gülle
Trinkwasser wird ausserdem durch Gülle belastet: die Nitratbelastung des Trinkwassers durch Gülle ist insbesondere für Säuglinge und Kleinkinder ein Risiko. Nitrate werden im Körper von Säuglingen und Kleinkindern teilweise zu Nitrosaminen umgewandelt. Diese können krebserregend sein.
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Aus: Agrarbericht 2024
Und jetzt neu auch noch PFAS – per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen
Das neuste Thema im Zusammenhang mit der Trinkwasserqualität sind die PFAS. Das BAFU schreibt auf seiner Website: «PFAS sind vollständig («per») oder teilweise («poly») fluorierte organische Chemikalien. Aufgrund ihrer wasser- und fettabweisenden Eigenschaften sowie ihrer thermischen und chemischen Stabilität werden sie in vielen Produkten in Haushalt, Gewerbe und Industrie eingesetzt. Sie kommen u.a. in Feuerlöschschäumen, Imprägniermitteln, wasser- und fettabweisenden Lebensmittelverpackungen, antihaftbeschichteten Pfannen, atmungsaktiver Regenschutzbekleidung oder Skiwachs zum Einsatz.» Und: «PFAS sind in der Umwelt nahezu nicht abbaubar und werden daher auch als «Ewigkeitschemikalien» bezeichnet. Sie stellen ein Risiko für die Gesundheit und die Umwelt dar. PFAS reichern sich im menschlichen Körper, in Organismen, Tieren und Sedimenten sowie in Pflanzen an. Für einige PFAS (z.B. für die Perfluoroctansulfonsäure PFOS und die Perfluoroctansäure PFOA) sind ausserdem gesundheitsschädliche Wirkungen bekannt.»

www.bafu.admin.ch
Am 15. Juni 25 meldet SRF, dass im Elsass vulnerable Personen kein Leitungswasser mehr trinken dürfen. Das Verbot gilt für Kleinkinder bis 2 Jahre, schwangere und stillende Frauen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Grund sind PFAS im Trinkwasser.
Was können oder müssen wir tun?
Hierzu noch einmal die Kundenbroschüre unseres Trinkwasserlieferanten.

EWA Hello 01/2025:
Eine Reduktion der Belastung. Das heisst, weniger chemische Spritzmittel in der Landwirtschaft verwenden. BIOSUISSE schreibt auf ihrer Website: «Da diese (Schädlinge) im biologischen Pflanzenbau nicht mit chemisch-synthetischen Hilfsmitteln bekämpft werden dürfen, braucht es clevere Lösungen.»
Weiter wichtig sind aufgeklärte oder clevere Konsument*innen. Und da bleibt einiges zu tun, denn in den letzten Jahren wurden zahlreiche Initiativen abgelehnt: Für sauberes Trinkwasser und gesunde Ernährung (2021), für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide (2021), für gesunde sowie umweltfreundlich und fair hergestellte Lebensmittel (2018).
Aufklärung braucht es auch bei Hobbygärtner*innen und Hausbesitzer*innen: ums Haus werden weiterhin Spritzmittel verwendet, obwohl seit Jahren verboten. Hierzu das BAFU: ‘Herbizidverbot auf Strassen, Wegen und Plätzen, Terrassen und Dächern: Unkrautvertilgungsmittel (Herbizide) gefährden unsere Umwelt besonders stark und dürfen deshalb auf und entlang von privaten und öffentlichen Strassen, Wegen und Plätzen, auf Terrassen und Dächern seit vielen Jahren nicht mehr ausgebracht werden. Hauswarten, Hobbygärtnern und Hausbesitzern stehen verschiedene Alternativen zur Verfügung. Beim Einsatz von Herbiziden auf befestigten Flächen wie Strassen, Wegen, Plätzen, Terrassen und Dächern kann der Boden die chemischen Stoffe nicht zurückhalten, weil eine biologisch aktive Schicht fehlt. Regen wäscht die Herbizide ins Grundwasser aus oder transportiert sie via Kanalisation in Bäche, Flüsse und Seen. Dort beeinträchtigen die Wirkstoffe Kleinlebewesen, stören das ökologische Gleichgewicht und gefährden das Grundwasser.’
Siehe auch die Merkblätter ‘Verwendungsverbote Herbizide’ und ‘auf Gedeih und Verderb’.
Clevere Lösungen können aus der Permakultur kommen. Permakultur bedeutet dauerhafte Landwirtschaft. Sie nimmt Ökosysteme zum Vorbild, arbeitet mit multifunktionalen Elementen (Beispiel: Ein Schaf mäht und düngt die Weide, liefert Milch, Fleisch und Wolle) und setzt auf mehrjährige Kulturen. Die Grünen Aarberg haben letztes Jahr an der Film-Matinee den Film ‘Tomorrow’ gezeigt, welcher unter anderem die Permakultur behandelt.
Clevere Lösungen gibt es konkret auch in unserer Umgebung. Wir haben schon mehrmals innovative Bauernbetriebe in und um Aarberg auf einem Grünen Parteiausflug besucht. Mulchen für die Bodengesundheit ist ein grosses Thema. Auf dem Hoflabor in Mönchaltorf im Kanton Zürich wird die sogenannte Mosaiklandwirtschaft getestet. Da werden verschiedene Pflanzen streifenweise angebaut. Die Grasstreifen dazwischen werden automatisch gemäht. Die Bearbeitung ist also bodenschonend (weniger Verdichtung, da keine grossen Maschinen) und mit grossflächigen Mulchsystemen wird die Bodenqualität erhalten (Nahrung für Regenwürmer).
Clevere Lösungen werden im Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) gesucht. In der FiBL-Projektdatenbank finden sich alle laufenden Projekte zu den Themen Bodenbearbeitung, Bodenfruchtbarkeit, Bodenqualität, Pflanzenschutz, Ackerbau, Saatgut und Züchtung und vielem mehr.
Auch in der konventionellen Landwirtschaft gibt es wervolle Ansätze, die wir Grünen sehr begrüssen: Die IP-Suisse informiert über die Biodiversität und unterstützt die Mission B.
Nur eine kurzfristige Lösung: Aufbereitung von Trinkwasser

Kassensturz Juni 24
Die Aufbereitung, sprich Reinigung unseres Trinkwassers ist enorm aufwändig und somit teuer, was sich im Preis für aufbereitetes Trinkwasser niederschlagen kann. Ausserdem kann Sondermüll dabei anfallen.
In Worben wurde erst kürzlich eine neue Anlage mit Aktivkohle in Betrieb genommen:

BZ am 29.4.25
Grund für die fünfjährige Pause: Der Pestizidgehalt des Trinkwassers liegt bis zu 20 mal über dem Grenzwert. Die Filteranlage kostete gut zwei Millionen Franken, die jährlichen Kosten für den Betrieb der Anlage sind 230’000 Franken.
Fazit: Eine starke Einschränkung oder noch besser der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ist der einzige Weg zu sauberem Trinkwasser.
Mehr:
- Agrarbericht 2024: welche Kulturen werden womit und wie häufig gespritzt. Sneak peek: am meisten wird Kernobst gespritzt
Agrarbericht 2024 – Pflanzenschutzmitteleinsatz in der Schweiz
- Merblatt Herbizidverbot: https://www.bafu.admin.ch/dam/bafu/de/dokumente/chemikalien/fachinfo-daten/merkblatt_verwendungsverbotefuerunkrautvertilgungsmittelaufundan.pdf.download.pdf/merkblatt_verwendungsverbotefuerunkrautvertilgungsmittelaufundan.pdf
- Merklatt Alternativen Herbizid: https://www.bafu.admin.ch/dam/bafu/de/dokumente/chemikalien/fachinfo-daten/merkblatt_auf_gedeihundverderb.pdf.download.pdf/merkblatt_auf_gedeihundverderb.pdf
- Neue Wasseraufbereitungsanlage in Worben: Mit Pestiziden belastetes Wasser kann nun gereinigt werden – Wissen – SRF
- Zur Reinigung von Trinkwasser: Pestizid-Gefahr – Neue Verschmutzung im Trinkwasser: Die Schweiz reagiert verzögert – Kassensturz Espresso – SRF
- FAQs zu Trinkwasserbelastung: FAQ – Pestizide im Wasser – Eawag
- FiBL: FiBL – fiblorg
- Hoflabor: https://www.hoflabor.ch
- Permakultur: Permakultur | permakultur.ch

